"Wunderwelt Baikalsee"  mit BaikalExpress Sibirienreisen   

Reisebericht von Heidi und Werner Lang    4.7. - 21.7.2002

  

4.7.2002 Donnerstag

Morgens 7.00 Uhr aufstehen. Elke fährt uns auf den Bahnhof nach Neustadt.

Stuttgart-Frankfurt mit ICE in 1,15 Minuten. Frankfurt Abflug nach Moskau 14.00 Uhr.

In Moskau steht Lena unsere Reisebegleiterin und Dolmetscherin für die nächsten 18 Tage mit einem Schild "Baikal-Express" am Flughafen. Wir sind 7 Teilnehmer.

Judith, die Schweizerin, Petra und Hartmut aus Plauen, Marina und Stefan aus Berlin und wir. Alles begrüßt sich.

Mit einem Kleinbus fahren alle zusammen ins Moskauer Zentrum ins Hotel "Russia". Natürlich kein westlicher Standard, aber sonst ok. Es steht direkt am Roten Platz. Abends um ca 21.00 Uhr Abendessen mit wunderschönem Blick auf den Roten Platz. Nach dem Essen (Suppe, Fisch, Kartoffeln, Bratapfel) gehen wir noch etwas bummeln über den Roten Platz. Es ist um 21.00 Uhr noch 26 Grad warm. Erstes Nachdenken warum ich so viele warme Kleider mit genommen habe, aber ich tröste mich, in Sibirien wird es sicherlich noch kälter.

 

5.7. Freitag

In Moskau ist es heiß, über 30 Grad. Zunächst geht es zu Fuß über den Roten Platz mit Kreml, Leninmausoleum und viele unzählige Kirchen sowie des Kaufhauses Gum. Dann mit dem Kleinbus an den Moskwa-Fluß, Frauenkloster, Hochhaus 7 Schwestern, nochmals Kreml, Universität, usw.

Am Nachmittag freie Zeit um Moskau selber zu erkunden. Ich denke ruf mal in Deutschland an.

Das wird allerdings eine Odysee. Zuerst ist das Telefon frei. Dann auf einmal belegt. Dann funktioniert nichts mehr. Ich habe aber bereits im Voraus bezahlt. Die Leute verstehen kein Deutsch und kein Englisch. Sie bemühen sich aber auch nicht besonders und sind sehr desinteressiert. Ein junger Russe den ich einfach anspreche und der einigermaßen Englisch kann macht Rabatz und erklärt mir dann wie es funktioniert. Nun klappt es auch. Für ein 2 Minuten Gespräch brauche ich aber fast 45 Minuten. Es ist sehr heiß. Wir legen uns im Park unter die Bäume. Denkste! Die berittene Miliz hat alle vom Platz gejagt.

Nachts um 10.00 Uhr nach dem Abendessen fahren wir mit dem Kleinbus zum Platz der drei Bahnhöfe. Wie gesagt drei große Bahnhöfe. Von dort fahren die Züge in alle Himmelsrichtungen von Russland einschließlich nach Sibirien. Ein Riesengetümmel von Leuten mit Gepäck so weit das Auge reicht. Apropo Abendessen: Zunächst schlägt Lena vor, mit der U-Bahn eine Station weiterzufahren, es gäbe dort in der Nähe ein gutes Restaurant. Unsere Truppe meint wir gehen in das Lokal wo wir gerade stehen. Es ist ein sehr gepflegtes Lokal, die Bedienungen tragen Tracht. Ich ahne: wahrscheinlich nicht billig. Das Hauptmenü ist günstig. Doch es gibt eine Vorspeise, die beim Bezahlen alle umhaut. Vorspeise pro Person 20 Euro. Gesamtes Essen pro Person 37 Euro. Alle schlucken dreimal. Abfahrt mit der Transsib um 23.30 Uhr Moskauer Zeit.

Hier die Route: Moskau-Kirov(vorher über die Wolga)-Perm 1434Km - Ekatarinburg 1813 km- Tjumen 2138 km - Omsk 2711 km- Novosibirsk 3336 km (über den Ob) -Krasnojarsk 4098 km (über den Jenissei) - Irkutsk 5185 km - Ulan Ude 5640 km

 

6.7. Samstag

Wir haben ein Vierer-Abteil. Judith, Lena, Heidi und ich. Also mit drei Frauen, doch es klappt. Eine sehr nette Abteil-Schaffnerin mit der sich Lena unsere Dolmetscherin sehr gut versteht, behandelt unsere Gruppe mit Vorzug. Sie kocht Tee, sieht nach dem Rechten kühlt das Bier in Ihrem Kühlschrank und kümmert sich auch sonst sehr gut um uns. Erster Halt in Perm, 20 Minuten. Alles stürzt aus dem Zug und deckt sich mit Lebensmittel einschließlich Bier ein, die es auf den Bahnsteigen zu kaufen gibt. Es stellt sich heraus, daß Hartmut Bierettiketten sammelt. Also muß viel Bier gekauft werden, damit seine Sammlung wächst. Ich staune wieviel verschiedenes Bier angeboten wird. An jeder Station gibt es anderes Bier. Für Stefan, den Russlandkenner wie sich herausstellte, war das fast unglaublich gegenüber früher, wo es überhaupt kein Bier gab. Und er hat während der DDR-Zeit als Zeitungsredakteur die ganze Sowjetunion bereist.

Ein gigantisches Land. Ich begreife nun den Namen der Tataren für Sibirien, "das schlafende Land". Riesige Ströme, unendlicher Horizont. Kleine Siedlungen entlang der Transsib, mit vielen Gärten hinter den Holzhäusern. Vor allem mit Kartoffelanbau (Grundnahrungsmittel). Aber alle, auch die kleinsten Siedlungen haben Stromleitungen, auch wenn es nicht zu allen Zeiten Strom gibt.

 

7.7. Sonntag

Hier vergißt man die Zeit. Die Klimaanlage im Zug funktioniert. Es geht durch den Ural, dann durch die Westsibirische Tiefebene. Schilf, Wasser, Birken, Laubwald. Dazwischen  immer wieder ein paar Kartoffelfelder. Die Uhr ist inzwischen um 3 Stunden vorgestellt. Heute morgen hat Lena rosa Kaviar auf Weißbrot aufgetischt. Schmeckt sehr gut, obwohl mir persönlich Marmelade lieber gewesen wäre. Die Bahnschaffnerin kocht laufend Tee für uns. Dann die Überraschung:  Die Abteilführerin hat den Ofen für die Dusche mit Holz angeheizt, es darf geduscht werden. Aber nur unsere Gruppe. Draußen ist es zwischenzeitlich etwas kühler geworden. Also doch, wir kommen nach Sibirien denke ich und bin froh doch ausreichend warme Klamotten mitgenommen zu haben. Bei jedem längeren Halt des Zuges werden Lebensmitel gekauft: Gekochte Kartoffeln, geräucherten Fisch, roher Fisch, Piroggen, oder hießen die Dinger Pel-meni? (eine Art gebackene Küchle mit Füllung je nachdem mit Reis, Kartoffeln, Zwiebeln, Kraut, Hackfleisch) Gurken, Tomaten, Äpfel, Erdbeeren aus den Gärten und die kleinen Erdbeeren aus dem Wald, die gleich Eimerweise angeboten werden. Ich kaufe Bier, natürlich auch um die Sammlung von Hartmut zu vervollständigen. Es muß also auf dem Bahnhof abgestimmt werden, wer welche Biersorten kauft (Preis 18-20 Rubel= ungefähr 60-70 Cent). Zusätzlich bringt uns die Abteilführerin auch noch einen frischen Omul (Spezialfisch aus dem Baikal, gehört zur Familie des Lachses). Auch dieser wird verzehrt, roh und gesalzen mit viel Zwiebel. (Trotz Viererabteil).

 

8.7. Montag

Irgendwann in der Nacht fahren wir über den Ob. Ich bin zufällig wach und habe mir diesen angeschaut. Ein majestätischer Fluß. Dann Novosibirsk ebenfalls bei Nacht. Der letzte Tag in der Transib. Es kommt Krasjanorsk und die Überquerung des Jenessei. Auch dies ist einer der großen Ströme von Sibirien. Nochmals großes Essen im Zug. Wir haben einen geräucherten und Lena einen gesalzenen Fisch gekauft. Die Abteilschaffnerin kocht Kartoffeln. Dazu Sibirisches Bier. Es schmeckt wunderbar. Ich stöbere meine Flache Zwetschgenwasser aus dem Rucksack. Alle Acht lassen sich diesen nach dem üppigen Mal schmecken. 

 

9.7. Dienstag

Ankunft in Irkutsk um 9.00 Uhr. Kein Frühstück, keine Dusche. Stadtrundfahrt und Mittagessen im Intourist-Hotel, einem Überbleibsel aus dem Kommunismus. Ablauf und Bedienung erinnern sehr stark daran. Marktbesuch. Dann Duschen ganz privat in einer Zweizimmerwohnung im typischen Plattenbau. Alle 8 Personen duschen nacheinander in der Badewanne. Das Bad ist sehr gewöhnungsbedürftig. Solange die Frauen duschen, gehen die Männer spazieren. Sonst wäre die Wohnung zu klein gewesen. Trotzdem schafft es die Mieterin, eine Ärztin, danach alle fürstlich zum Abendessen zu bewirten. Für mich ist diese Gastfreundschaft kaum nachvollziebar.

Vorstellung in Deutschland: Es kommen 8 Russen und Du lädst sie ein zum Duschen und zum Abendessen.

Abends erneut in den Zug und mit dem Bummelzug der Transsib, der fast an jeder Holzhütte anhält, ins rund 500 km entfernte Ulan Ude (Roter Fluß).

 

10.7. Mittwoch

Ankunft in Ulan Ude um 6.00 Uhr. Das  heißt aufstehen um 5 Uhr. Nach der Ankunft wird das Gepäck auf den Gepäckträger eines Kleinbusses verladen. Dann Fahrt ins Hotel zum sehr guten Frühstück. Danach Fahrt nach Ust Barguzin ("Fort Übergang" des Flusses Barguzin). Es sind zwar nur rund 300 km, doch die Straße besteht aus Schotter und Sand und  Loch an Loch. Der Fahrer fährt nicht nur gerade aus, sondern kreuz und quer um die Schlaglöcher zu umfahren. Dazwischen mehrere Halts. Zunächst Halt an der höchsten Stelle. Slawa unser Reisebegleiter für die Wildnis, neben Larissa, weist uns in die Religion des Schamanismus ein, der nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder sehr stark praktiziert wird. Es ist eine sehr naturbezogene Religion, die mich sehr stark an die Bräuche und Riten der Indianer von Nordamerika erinnert. Daß hier ein Zusammenhang besteht ist allerdings nicht neu, da die Nordamerikanischen Indianer ja überwiegend aus dem Gebiet der Mongolei stammen und auch die Burjaten, die Urbevölkerung des dortigen Gebiets, mit den Mongolen verwandt sind. Also zunächst der Halt. Slawa holt eine Flasche Wodka und Becher. Die Becher werden hälftig gefüllt. Zunächst wird ein Opfer gebracht. Irgendein kleiner Gegenstand den man sehr liebt. Einen Rubel, Zigaretten, Bonbons etc. Dann den linken Ringfinger in den Wodka getaucht (Ringfinger gilt als der sauberste Finger) und in alle vier Himmelsrichtungen gespritzt. Danach wird ein Teil des Wodkas in einer eleganten Wurfbewegung (ähnlich wie beim Säen von Hand) vergossen, der Rest wird getrunken. Bei der gesamten Zeremonie, werden im Stillen Wünsche geäußert, die in Erfüllung gehen sollen. Der Schamane gilt als Mittler zwischen  den Menschen und den guten Geistern, wobei es 14 gute Geister und 12 böse Geister gibt. Dann Weiterfahrt. Nächster Halt beim erstmaligen Erreichen des für die Bevölkerung mythischen und heiligen Baikalsees. Es gibt unzählige Mythen über den Baikal. Die Menschen sprechen vom Baikal wie von einer Person, die einmal gut und einmal böse sein kann. Bekannt sind die schnellen Wetterumschwünge oder auch überraschenden Stürme, die schon manchem Schiff und deren Besatzung das Leben gekostet hat. So liegen unzählige Schiffe auf dem Grund des Baikal. Wir machen Picknick am Baikal. Slawa und Larissa bereiten es vor. Danach Weiterfahrt über die zunehmend, schlechtere Straße nach Ust Barguzin. Es ist wieder sehr heiß. Erster Eindruck von Ust Barguzin: Breite Sandstraßen nur mit einzelnen Asphaltstellen, tiefe Schlaglöcher (durchaus 50 cm tief). Vor den Häusern grasen Kühe und Ziegen, sofern überhaupt noch Gras vorhanden ist. Die Ziegen fressen auch die Rinde der vor den Häusern liegenden Baumstämme, wir nennen sie deshalb auch die "Entrindungsbrigaden".  Wenn die Kühe nichts mehr finden gehen sie auch in den Baikal. Sie stehen bis zu den Köpfen im Wasser und grasen den Grund des Baikal ab (Seekühe). Im Hafen von Ust Barguzin gibt es so etwas wie eine Werft in der auch Kohle umgeschlagen wird, allerdings gerade außer Betrieb. Die Anlagen rosten so vor sich hin. Dann werden wir auf ein altes umgebautes Armeeschiff verladen und fahren mit dem Schiff ca 1 1/2 Stunden über den Baikal zur Halbinsel "Heilige Nase". Dort kann das Schiff allerdings nicht bis ans Ufer, weil der See am Ufer zu flach ist. Also werden Leute und das Gepäck auf ein Ruderboot verladen und ans Ufer gebracht. Auch das ist ein Erlebnis. Drei- oder viermal hin und zurück. Zwischendurch geht ein Schlafsack baden. Hartmut der zufällig in diesem Boot sitzt, fischt in mit den Händen heraus. Anschließender Kommentar: 20 Kg Steine ist nichts gegen den vollgesaugten Schlafsack. Schließlich waren alle an Land. Dann Zeltaufbau und Einrichten direkt am Baikal. Slawa und Larissa machen Feuer für das Abendessen. Alle Lebensmittel und Getränke wurden mit dem Schiff mitgebracht. Jeder schiebt Kohldampf. Larissa deckt den Boden mit einem grünen Tuch, darauf wird das Essen ausgebracht. Wir sitzen im Viereck auf Baumstämmen und lassen es uns schmecken. Daneben lodert das Feuer. Es gibt Kartoffel mit Fleisch. Danach verschwindet jeder in seinem Zelt. In dieser Nacht hat jeder gut geschlafen, denn der Tag war anstrengend. 

 

11.7. Donnerstag

Heute ist eine Wanderung auf den höchsten Berg der Halbinsel mit 1400 Höhenmetern  vorgesehen. Das Wetter ist entgegen der Vorhersage von Larissa vom Vorabend überraschend gut und heiß. Wieder kommen meine warmen Kleider nicht zum Einsatz.

Es scheint so, als hätte das Schamanenopfer vom gestrigen Abend und der Wunsch für schönes Wetter etwas gebracht. Zunächst gibt es ein kraftvolles Frühstück. Gekochte Hörnchennudeln mit Kräutern, Brot, Käse, Wurst, Marmelade, Kekse und Bonbons sowie Tee. Also viele Kohlehydrate.

Das hätte eigentlich zu denken geben sollen. Ich schleppe einen warmen Anorak mit, es könnte ja auf dem Berg kühler sein. Doch wieder umsonst. Es beginnt alles sehr harmlos. Zunächst entlang des Baikal. Dann zunächst durch den Wald. Der Pfad wird immer schmaler. Schließlich  wird es steiler und  dann wird es wirklich bergsteigerisch. Der Weg geht nicht in Serpentinen sondern geradeaus hoch. Nach einem Steilhang sitzt Hartmut auf einem Fels mit dem Hinweis: Hast Du nicht auch genug? Das ist kein Spaß mehr. Stefan sagt, er verstehe seine Frau nicht mehr. Diese klettert bereits weiter oben im nächsten Steilhang. Stefan meint, da oben komme doch kein Imbissstand. Er verstehe das nicht und könne das bei seiner Frau nicht begreifen. Oben eine herrliche Aussicht auf den Baikal und die lange Sandbucht der Halbinsel. Ganz oben auf den Gipfeln liegt teilweise noch Schnee. Ein gutes Vesper und ein Schamanenopfer, dann geht es wieder abwärts. Auf jeden Fall schaffen es alle wieder zurück, wenn auch alleine oder in einzelnen Gruppen. Man kann fast meinen, sie kämen aus einer Schlacht, so zermürbt waren alle.

Trotzdem werden auf dem Heimweg entlang des Baikal noch Pfifferlinge gesammelt und seltene Blumen begutachtet. Slawa hat zwischenzeitlich am Feuer in einem großen Eimer ein Obstkompott-Saft gekocht. Jeder bedient sich kräftig, denn das weckt wieder die Lebensgeister. Gleichzeitig wird im 2. Eimer über dem Feuer ein Eintopf vorbereitet. Kartoffel, Reis, Gurken, Zwiebeln. Der frische Fisch (Omul) fehlt noch. Er soll frisch gefangen kommen. Wir schieben Kohldampf. Nachdem der Fisch für den Eintopf nicht kommt, haut Larissa Fleisch in die Suppe. Als gerade die letzte Dose Fleisch drin ist, kommt ein Russe den Strand entlang und bringt die Fische. So ein Pech. Nun werden die Fische eben gebraten und als Nachtisch gegessen. Die Russen sind Künstler im improvisieren und tauschen. Plötzlich ist Slawa weg. Stefan sagt mit einer Schachtel Streichkäse. Er kommt zurück mit 5 geschnitzten Holzspießen, die er irgendwo am Strand bei einer anderen Gruppe eingetauscht hat. (Käse gegen Holzspieße). Die Fische werden aufgespießt und gebraten. Zwischendurch hält ein Russischer Lastwagen mit 5 Männern auf der Pritsche. Einer springt ab und kommt. Er verhandelt mit Larissa. Ob wir Wodka hätten. Eine Flasche Wodka gegen eine Plastiktüte mit frischem Omul. Der hätte früher kommen müssen. Auch in dieser Nacht schlafe ich sehr gut, obwohl am anderen morgen gesagt wird, daß in der Nacht ein Gewitter niederging. Außer ein paar Regentropfen und daß ich auf Anordnung von meiner Frau den Rucksack irgendwie unter das Vorzelt gezerrt habe, habe ich aber nichts mitbekommen.

 

12.7. Freitag

Morgens Zeltabbau und aufräumen, da wir nun zum schwimmenden Hotel gebracht werden sollen.

Frühstück: Milchreis mit Marmelade und Zucker, Brot, Käse Salami etc. Alle kauen etwas hoch. Gegen 10.00 Uhr kommt der Ranger und bietet uns Postkarten an, die er sofort wieder mitnehmen und bei der Post aufgibt. Wie sich später herausstellt, werden diese aber erst am 23.7. bei der russischen Post gestempelt. Also zunächst noch Postkarten schreiben. Dann wird das Gepäck und die Truppe in den Kleinbus eingeladen und nach 20 Minuten Fahrt alles auf ein Schiff verladen, das in einer Bucht vor Anker liegt. Diesmal muß kein Ruderboot eingesetzt werden, da das Schiff direkt über eine Hühnerleiter bestiegen werden kann. Dann eine 1 1/2 stündige Überfahrt zu einer einsamen und wunderschönen Bucht des Baikal. Links und rechts des Sees steigen die Berge steil an. Am hinteren Ende geht die Bucht in ein Schilf- und Sumpfgebiet über und danach geht es steil aufwärts in die Berge. Über dem ganzen schwebt ein Adlerpaar. Und ungefähr in der Mitte der Bucht liegt am rechten Ufer ein zum Hotel umgebautes Schiff mit dem Namen "Harmonie" an einem herrlich schneeweißen Sandstrand. Wie gemalt.

Die gesamte Szenerie kann mit Alaska verglichen werden. Die Bucht ist im Sommer nur mit dem Schiff und im Winter nur mit Pkw oder Lkw über das zugefrorene Eis zu erreichen. Ach so, oder mit 3-4 Tage Wanderung über das Gebirge. Das Schiffshotel ist unerwartet schön, zumal nun wieder nach 7 Tagen in festen Zimmern. Wenn auch klein und ohne Wasser, trotzdem schön. Die WC-s sind außerhalb des Schiffes im Wald, auch die Waschgelegenheit. Das Wasser muß in Eimern vom Baikal geholt werden. Die WC`s: 2 Plumpsklos, Die Löcher müssen getroffen werden, was gar nicht so einfach ist, vor allem bei Durchfall wie ich später noch feststellen sollte. Überdacht waren die WC. Nachts kann allerdings das WC auf dem Schiff benutzt werden. Der Chef des Hausboots meint, daß es Nachts doch etwas zu gefährlich sei in den Wald zu gehen. Es könnte sich durchaus ein Bär in die Gegend verirren. Nach wie vor ist es heiß. Am späten Nachmittag ist noch Sonnenbaden angesagt auf dem herrlich weißen Sandstrand. Nach dem üppigen Abendessen haut sich jeder ins Bett. Irgendwann in der Nacht höre ich, daß es regnet. Ich denke noch, endlich kommen meine warmen Klamotten zum Einsatz.

 

13.7. Samstag

Es nieselt und ist bewölkt. Als ich ins Freie gehe bin ich allerdings überrascht wie warm es trotzdem ist. Also T-Shirt, wieder nichts mit Pullover oder so etwas. Zum Frühstück gibt es Buchweizengrützen-Brei mit Butter, Salz und Gewürz. Dazu gebratenen Hecht und Salat, Brot, Wurst, Speck, Käse, keine Marmelade, dafür Kekse und Pralinen. Bei der Buchweizengrütze wird hoch gekaut. Ich esse es, anstandshalber. Danach wird aufgebrochen zu den Süsswasserrobben und zu den heißen Quellen. Mit dem Boot 2 Stunden hin und 3 Stunden zurück. Teilweise Regen und immer bewölkt. Endlich kann ich einen wärmeren Pullover anziehen. Laut Larissa kommen die Robben normalerweise nur bei Sonnenschein auf die Felsen und nur die kranken Robben, weil sich diese dort auf die Steine legen um ihre Wunden von der Sonne heilen zu lassen. Wir haben Glück. Die Robben sind da. Ausgestattet mit dunklen Kleidern werden wir auf der gegenüberliegenden Seite der Insel an Land gesetzt. Dann eine kleine Wanderung über die Insel. Dann keine Gespräche mehr und anschleichen. Wie früher bei der Bundeswehr. Es liegen 20- 30 Robben auf den Felsen. Die Tiere sind sehr sensibel und aufmerksam. Bei der kleinsten überraschenden Bewegung der Beobachter oder eines Geräusches verschwinden sie sofort ins Wasser. Nach unserer Begutachtung gehts wieder zurück. Kurz vor der Abfahrt von der Insel stellt Heidi fest, daß sie das Fernglas am Beobachtungspunkt liegen gelassen hat. Also hetze ich nochmals zurück über die Insel um das Fernglas zu holen. Dann auf der Rückfahrt Mittagessen in der Schiffskajüte. Draußen regnet es und ist ziemlich frisch. Es gibt Wurst, Speck, Salat, Süße Stückchen, Tee, Obst. Auf der Rückfahrt wird die Schlangenbucht angesteuert mit heißen Quellen. Lena, die Dolmetscherin preist die Quellen als wahre Wunderheiler. Die Quellen selbst sind lediglich in der Erde gefasst und mit einem Bretterverschlag versehen. Drei Minuten maximal und nur bis zum Herzen sollte man reingehen.

Warum, zeigt sich nach dem Bad. Alle sind krebsrot von dem Schwefelwasser. Dann anschließend auf dem Schiff auf einmal helle Aufregung. Etwas rotes läuft in der Kajüte auf dem Fußboden entlang. Lena meint dies sei wohl Tomatensaft den sie verschüttet habe. Doch Petra , die Krankenschwester meint: Das kann nicht sein, es kommt aus Deinem Schuh. Also Schuhe und Socken aus, eine Vene ist geplatzt. Petra versucht mit Klopapier einen Druckverband zu machen. Der Kapitän bringt eine Verbandsbinde. Petra meint, daß die wohl schon benutzt war, trotzdem muß sie herhalten. Marina reinigt den Boden mit zwei Lappen die irgendwo auf dem Schiff liegen. Beim Ausschütten des Blutwassers gehen in der Hitze des Gefechts auch die Lappen mit über Bord. Dann Entwarnung, die Wunde ist gestillt. Lena sieht das Ganze gelassen. Hartmut meint, Petra habe ihre Sache gut gemacht.

Es stellt sich heraus, daß er Arzt ist und den Blutverlust als normal betrachtet. Nach der Rückkehr liegt Lena flach, doch zum Abendessen erscheint sie in heiterer Verfassung. Das Abendessen ist gut: Kurze Spaghettis mit Fleisch- und Fischküchle sowie das Übliche.

 

14.7. Sonntag         

 Es regnet. Es geht kein Wind. Es ist nicht kalt. Feuchtwarm. Die Schnacken sind überall. Es wird gelesen, geschrieben, geschlafen. Nachmittags kommt die Sonne etwas durch. Der Bootsverwalter lädt Hartmut und mich zum Fischen ein. Mit dem Motorboot fahren wir verschiedene Stellen in der Bucht an. Hechte blinkern. Leider habe ich bis auf einen Kleinen nichts gefangen. Aber auch die anderen nicht, einschließlich des Profi. Das beruhigt. Abends Sauna mit Abkühlung im See, danach Abendessen. Der Bootsverwalter erzählt aus seinem abwechslungsreichen Leben.        

Geboren in Burjatien von sogenannten Altgläubigen. Mit 20 in die Ukraine, Krim, Deutschland, Moskau. Er ist Ingenieur, arbeitete bei der Bodenüberwachung in der Raumfahrt in Kasachstan.

In Moskau angesehener Bauarbeiter für westlichen Standard. Reiche Frau kennengelernt die ihn heiraten wollte. Dies hat er abgelehnt. Dann mit 50 wieder zurück nach Burjatien auf das Hausboot in die Wildnis als Verwalter. Er liebt die Einsamkeit. Er erzählt von Bären und anderen Tieren der Wildnis. Wie alle Schamanen hält er viel von der Natur. Wenn der Natur Schaden zugefügt wird, sagt er, rächt sich diese Unmittelbar. Er erzählt Beispiele: 

Einmal habe er Abfälle vergraben. Noch in der gleichen Nacht kam ein Bär und hat alles ausgewühlt. Seitdem werden die Abfälle gesammelt und mit dem Boot weggebracht. Er sagt: Immer wenn er etwas gegen die Natur in dieser Bucht gemacht habe, gab es danach Sturm oder Gewitter. Seitdem wird kein Baum mehr gefällt, das Holz kommt mit dem Schiff von dort wo Bäume geschlagen werden dürfen. Es wird politisiert über die neue Zeit und die damit verbundenen Probleme. Über die Neuen Russen und ihre unmöglichen und rüpelhaften Umgangsformen und Sauferei. Über die Mentalität der Burjaten. Das Volk braucht Ideen um etwas aufzubauen. Bisher wurden alle geführt, zuerst von den Zaren, dann von den Kommunisten. Die Eigeninitiativen sind noch nicht sehr ausgeprägt. Das ist ein Generationenproblem. Auf dem Land sei noch kein Fortschritt erkennbar, vielleicht in den Städten. Er hält viel von den Deutschen, (Ordnung, Sauberkeit, Disziplin). Die Verbindungen der Burjaten würden sehr stark in Richtung Mongolei und China gehen, einfach wegen der weiten Entfernung zu Europa. Dann lange nach zwölf gehen alle nachdenklich zu Bett.

 

15.7. Montag

Auch heute keine Sonne, aber es regnet nicht. Ich gehe heute morgen zum Angeln mit dem Ruderboot. Drei Hechte mittlerer Größe sind die Ausbeute. Am Nachmittag nochmals ein Versuch, doch leider ohne Erfolg. Dafür bringen Marina und Stefan vier Barsche, ca 30 cm lang. Sonst verläuft der Tag ruhig und erholsam.

 

16.7. Dienstag

Heute geht es zurück nach Ust Barguzin.  1 1/2 Std. Bootsfahrt, 1 1/2 Stunde Kleinbus. Dann zu den russischen Gastfamilien. Am Morgen vor der Abfahrt mit dem Schiff von unserer wunderschönen Bucht gibt es allerdings einige Überraschungen. Mir ist schlecht und ich habe Durchfall, aber wie. Das Plumpsklo ist für so etwas nicht zu gebrauchen. Das habe ich sofort festgestellt. Also gehts halt direkt in den Wald. Danach einen Schnaps und Tabletten. Lena hat die ganze Nacht gespuckt und ist ebenfalls down. Stefan wird zunächst nicht gesichtet, auch er spuckt. Seine Frau Marina macht es ihm später nach.

Das Frühstück fallt also aus, was aber nicht ganz so schlimm ist, es gibt Buchweizengrütze. Das alles ist aber nichts gegen eine Operation die bei einem Russen an diesem Morgen durchgeführt wird. Ein Boot kommt an mit zwei Männern und einer Frau. Sie hatten irgendwo in der Bucht gefischt. Marina meint, daß der eine ein sehr interessantes Pircing am Augenlied hätte. Wir stellen fest, es ist ein Blinker mit Haken. Also wird der Haken heraus operiert. Der Russe trinkt zunächst einen Wodka. Mit einer größeren Zange (Fischzange oder so etwas ähnlichem) wird der Haken abgezwickt und entfernt. Eine Frau bringt eine Nadel mit einem Faden. Damit wird die Rißstelle wieder zusammen genäht. Der Russe beißt auf die Zähne. Die Frau heult. Nach ca. einer halben Stunde als der Russe sich wieder einigermaßen erholt hat, fahren alle wieder mit dem Boot zum Fischen, nachdem der andere Russe eine Flasche Wodka gekauft hat, die mitgenommen wird.

Mir ist auf der gesamten Fahrt nach Ust Barguzin schlecht, aber nicht von der Operation, sondern von meinem Durchfall. Dazu noch die Straße. Maximal zwischen 20 und 40 km/h. Schotterstraße/Sandstraße mit teilweise über einem Meter tiefen Löchern. Das ist nicht gelogen. Ich komme mit vor wie auf einer Expetition im Himalaya. Wenn die Straße fast nicht mehr befahrbar ist, wird an den Randstreifen ausgewichen. Dann hängt das Auto aber so schief, daß ich einige male denke, es legt sich vollends auf die Seite. Aber auch dies wird überstanden. Während der Fahrt durchqueren wir ein riesiges Schilf- und Sumpfgebiet mit vielen kleinen Seen. Wir sehen drei große Adlerhorste auf den Bäumen. Der Ranger erklärt uns, daß dort Weißschwanzseeadler (nicht Weißkopfseeadler) nisten. Die einzigen die es noch gibt. Zu sehen bekommen wir sie allerdings nicht. Nach der Überquerung des Flusses mit einer altertümlichen Fähre, dann Ankunft bei den Gastfamilien. Es stellt sich heraus, daß wir beim Ranger übernachten, der uns auch hergebracht hat.

Die Familie gehört sicher nicht zu den armen Russen im 10000 Einwohner zählenden Ort. Er Ranger im Nationalpark, sie Lehrerin. Dazwischen nehmen sie Touristen auf. Entsprechend ist auch das Quartier recht gut. Allerdings gilt auch hier: WC nachts im Haus, tagsüber im hinteren Schuppen. Trotzdem wesentlich hygienischer als auf dem Schiff. Der Sohn hat einen modernen PC mit Internetanschluß. Ich möchte gern ein E-Mail verschicken, dabei stellt sich allerdings heraus, daß die Verbindung derzeit nicht funktioniert. Pech gehabt. Mein Abendessen fällt wegen Übelkeit aus, nur Heidi schlägt zu. Suppe, Fisch gebacken mit gebratenen Kartoffeln sowie rohem Omul. Das Abwaschen ist schwierig, da es kein fließend Wasser gibt und kein Abwasser. Also muß Wasser geholt und das Geschirr in einem Eimer gewaschen werden. Abends dann noch ein Spaziergang durch einen Teil von Ust Barguzin mit den Kaufläden. Nägel neben Kleidern und Zahnpasta. Eben wie früher in den 50er Jahren auch bei uns (Gemischtwarenläden, nur waren diese allerdings damals schon wesentlich besser bestückt).

 

17.7. Mittwoch

Gegen 9.00 Uhr aufstehen. Es geht mir heute morgen wesentlich besser. Es gibt auch Toastbrot mit Marmelade zum Frühstück, zum ersten Mal nach fast 14 Tagen. Nach dem Heidi mal gesagt hat, gib mir das Gsälz, fragt Stefan der Berliner immer wieder: Wie heißt das? Dann ich: Gsälz. So haben die Berliner auch noch einige schwäbische Begriffe im fernen Sibirien gelernt. Ich glaube ich habe das Toastbrot und die Marmelade fast alleine gegessen. Nach langem hin und her wird ein Bus gemietet für 3000 Rubel und wir fahren in das wunderschöne Barguzin-Tal. Allerdings geht’s erst Nachmittags los. An der Fähre steht der Kleinbus. Beim Umdrehen mit der ganzen Mannschaft versinkt er allerdings im Sand der Straße. Der gesamte Fährverkehr wird aufgehalten weil er quer steht und kein Auto mehr durchkommt. Also wieder raus aus dem Bus und schieben. Zusammen mit ein paar Russen wird der Bus wieder flott gemacht. Dann geht es los. Rechts Berge mittlerer Höhe, fast wie im Schwarzwald, links Gebirge fast 3000 m hoch. Das Wetter ist heiß, die Schotterstraße einigermaßen in Ordnung. Ich brauchte wieder keine warmen Kleider. So langsam merke ich, daß ich viel zu viel warme Klamotten dabei habe, die ich unbenutzt von Sibirien wieder nach Hause nehme. Zwischendurch werden wir informiert, daß das Barguzin-Tal der Geburtsort der Mutter von Tschingis-Kahn war.

Am Schamanen-Ochsen (Fels der wie ein Ochse geformt ist) wird angehalten. Es ist wieder eine heilige Städte der Schamanen, an der gebetet wird. Vier Burjaten begrüßen uns per Handschlag und mit Gebeten. Sie beten für eine gute Heu- und Weizenernte. Sie geben uns je ein Bonbon als Entgegenkommen. Dann wird das bereits erklärte Ritual abgehalten und ein Opfer gebracht. Die Burjaten bekommen von uns je ein Glas Wodka. Dann wird weitergefahren. Weit drinnen in einem Seitental besteigen wir einen Berg mit verschiedenen Felsformationen (das Schloß). Hier wurde vor kurzem ein Schamanentreffen abgehalten, wird uns erklärt. Die Blumenwelt ist einzigartig. Es duftet nach allen Richtungen. Tyhmian, Lavendel, Edelweiß, Enzian. Der Hauswurz wächst hier in Unmengen. Dann die lange Fahrt wieder zurück. Da es heiß ist wird zwischendurch in einem sehr flachen See noch gebadet. Um ca 20.30 Uhr sind wir wieder zu Hause. Anschließend noch ein Dampfbad in der russischen Banja der Gastfamilie. 21.30 Essen, um 24.00 Uhr sind wir dann im Bett.

 

18.7. Donnerstag

Heute wird bereits um 7.00 Uhr aufgestanden. 8.00 Frühstück. 9.00 Uhr Abfahrt zurück nach Ulan-Ude. Wieder blauer Himmel und sehr warm, und wieder keinen Pullover. Da der Bus sehr spät kommt, geht es vorher noch zum Holzkünstler im Ort. Die Holzteile sind alles Exponate, nichts zu kaufen. Dann in den Kleinbus. Der Fahrer erzählt uns, daß wir wesentlich länger für die Rückfahrt bräuchten, als für die Herfahrt. Durch den Regen vor 4 Tagen sei die Straße katastrophal. Na gut, der Fahrer hatte keine Witze gemacht. Manchmal nur 20-30 km/h und das über nahezu 300 km. Am Rande der Straße und in den Wäldern sehen wir viele Leute die Beeren sammeln und am Straßenrand verkaufen. Eimerweise. Lena und Heidi sagen, jetzt ist Blaubeerenzeit. Auch hier zeigt sich wieder, daß die Sibirier von und mit der Natur leben. Immer wieder liegen Fahrzeuge mit Pannen an der Straße, aber die Russen wissen sich mit Eigenreparatur zu helfen. Dazwischen ein umgestürzter Armeelastwagen mit völlig eingedrücktem Fahrerhaus, doch der Fahrer versucht trotzdem den Schlitten wieder flott zu kriegen, unvorstellbar. Dann liegt an einem Anstieg ein Schwerlastanhänger mit Holzstämmen beladen unten an der Böschung. 2 Russen  versuchen die Stämme abzuladen, ein altertümlicher Traktor zieht die Stämme die Böschung und den Anstieg hoch. Ich glaube die beladen den Hänger wieder oben am Berg. Für Russen anscheinend normal, denn jeder fährt daran vorbei. Daß nicht noch gewunken wird ist alles. Dann gegen 19.00 Uhr Ankunft im Hotel Gerzer. Dem besten Hotel in Ulan Ude, aber eben russischer Standart.

 

19.7. Freitag

Wieder früh aufstehen, um 8.00 Uhr Frühstück und um 9.00 Uhr Abfahrt zur Stadtbesichtigung. Die Autos sind überwiegend aus russischer oder japanischer Produktion, deutsche Autos sieht man so gut wie gar nicht. Wahrscheinlich zu teuer und zu weit weg. Dann zum Buddistischen Museum. Es ist hochinteressant. Anschließend zum größten buddistischen Kloster mit der einzigen buddistischen Universität in Russland nach Evolginsk. Auch der Lama kommt immer wieder zu Besuch. Dann anschließend zu den Burjaten. Die Burjaten sind ein sehr freundliches und vor allem gastfreundliches Volk. Sie sind verwandt mit den Mongolen. Zunächst gibt es Vorführungen im Bogenschießen in Nationaltracht. Bogenschießen ist neben Reiten und Kämpfen(Ringen) der Nationalsport der Burjaten. Dann eine musikalische Folklorevorführung. Dies alles spielt sich auf freier Steppenlandschaft ungefähr einen Kilometer außerhalb des Dorfes ab. Danach Einladung zum Mittagessen in einer burjatischen Jurte. Zunächst Hände waschen im Freien, Einreiben mit Safranöl, Männer sitzen links, Frauen rechts in der Jurte, es gibt: Aperitif: Sauermilch (Gestandene Milch), roher Salat (Tomaten,Gurken), Nudelsuppe mit Hammelfleisch, Hammelleber in Speckmantel, Kräuterschnaps, Gefüllte Küchle (Art kleine Maultaschen mit Quark), Grüner Tee mit Milch, Kaugummi aus Baumharz zum Zähne reinigen.

Anschließend Rückfahrt nach Ulan Ude und Marktbummel über den großen Chinesischen Markt, ebenfalls ein besonderes Erlebnis. Mitbringsel und Souvenirs einkaufen.

 

20.7. Samstag

8.30 Uhr Frühstück. Um 10.00 Uhr machen die Geschäfte auf. Heidi  möchte noch Steine und Schmuck ansehen und natürlich kaufen. Dann um 11.00 Uhr Abfahrt ins ethnologische Freilichtmuseum. Es ist sehr interessant. Leben und wohnen der Stadtmenschen in Sibirien, der Altgläubigen, Kosaken, Burjaten, Ewenken, Schamanen. Die Ewenken sind im Grunde Vorfahren der Burjaten die sich mit den Mongolen vermischt haben. Sie haben eine sehr indianische Lebensweise und erinnern sehr stark an die nordamerikanischen Indianer. Also auch hier merkt man  wieder, sicherlich gleiche Abstammung. Dann Mittagessen in einem sehr guten Lokal in Ulan Ude. Weiterfahrt zu den Altgläubigen in das wunderschöne Tal des Flusses  Selenga. Auf einem Hügel "Der heilige Löwe" (der Bergrücken sieht aus wie ein liegender Löwe mit Mähne) werden folkloristische Lieder vorgetragen. Es stellt sich heraus, daß die Folkloregruppe schon oft in Deutschland aufgetreten ist und die Städte Freiburg, Tübingen und Ludwigsburg sehr gut kennt. Nach einem erneuten Schamanenopfer auf dem Berg geht die Fahrt ins Dorfhaus der Altgläubigen. Auch dort nochmals Vorführungen und Folkloredarbietungen. Danach Abendessen bei der Frau des Bürgermeisters im Privathaus des 5500 Einwohner zählenden Ortes. Es gibt: Zuchini mit Fleischküchle, Tomaten/Gurken, Krautsalat, ein großer Fisch mit Fischeier (Kaviar) am Morgen in der Selenga gefangen (Art Karpfen), Kartoffeln. Danach eine Art Fastnachsküchle mit Marmelade und Schwand und grüner Tee mit Milch. Dazwischen viel Wodka von der ortsansässigen Brennerei. Während des Essens und danach viele Gespräche und Fragen mit der Frau des Bürgermeisters über die Altgläubigen, Entwicklung der Wirtschaft, Leben, Land und Leute. Auch sie will viel über Deutschland wissen. Die Altgläubigen haben die Reform der Katholischen. Kirche in Russland im 17/18. Jahrhundert nicht mitgemacht und wurden durch Katharina II. nach Sibirien verbannt. 7000 km zu Fuß. Mit der Zeit wurden sie und sie sind es auch heute noch, sehr anerkannt, weil sie durch ihren Glauben, Fleiß und ihre Disziplin viel zu Wege gebracht haben, auch um in der Wildnis zu überleben. Die Gastgeberin erzählt uns, daß nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die staatlich garantierte Abnahme zusammengebrochen ist. Jetzt arbeitet die Wodkabrennerei wieder. So langsam kämen auch die Aufträge wieder, jetzt aber auf marktwirtschaftlicher Basis. Heute, so ist mein Eindruck, ist alles viel sauberer und geordneter als in anderen russischen Dörfern. Dies war auch mein Eindruck im Haus und auf dem Hof  wo wir zu Abend gegessen haben. Ein Eindruck zur Gestaltung des Hofes des Bürgermeisters: Hinter dem Haus das an die Straße grenzt, der Hof, links Schuppen für Geräte, dahinter anschließend Hundezwinger, dahinter Bretterverschlag mit Dach für das Schwein, auf der rechten Seite der Hühnerstall und Kuhstall, in der Mitte des Hofes abgezäunt nach vorne und hinten der Auslauf für die Kuh. Ach so, neben dem Hühnerstall das typisch russische Plumpsklo. Die Leute von uns und natürlich die Bewohner müssen zum Austreten also durch den Hühnerstall. Dann hinter den Stallungen,  Ackerbau vor allem mit Kartoffeln. Noch eins: In dem weitläufigen Tal des Selengaflusses hat es an diesem Tag plus 35 °, im Winter dagegen bis zu minus 50° Celsius. Kaum vorstellbar. Auf jeden Fall müssen die Leute schon etwas aushalten um zu überleben. Dann Rückfahrt nach Ulan Ude gegen 20.00 Uhr. Am Abend dann noch ein Erlebnis im Hotel: Ich will an der Hotelrezeption einen 1000 Rubel-Schein wechseln. Dies wird von der Dame an der Rezeption abgelehnt. Sie hätte viel zu tun. Das bekommt Stefan mit und bringt diesen in Rage. Er setzt seine russischen Kenntnisse ein. Ob das Arbeit wäre, wenn sie nur da sitze und den Nagellack an den Fingern ihrer Kollegin begutachte. Ich sage, daß ich für einen Dollar telefonieren sollte, dann müsse sie wechseln. Auf jeden Fall gab es einen größeren Disput zwischen Stefan und der Angestellten auf russisch. Trotzdem bringt es nichts. Typisch russische Verhältnisse, die von der Marktwirtschaft noch weit entfernt sind, schimpft Stefan. Die Russin läßt das aber kalt. Also gehen wir noch etwas einkaufen und wechseln dort. Für mich ist dies das krasse Gegenstück zu der sonst überall sehr zuvorkommenden Gastfreundschaft.

 

21.7. Sonntag

Tag der Heimfahrt nach Deutschland. 6.30 Uhr aufstehen, Frühstücken, um 8.15 Uhr sind wir am Flughafen Ulan Ude, einem relativ kleinen Provinzflughafen. Abflug 10.00 Uhr mit einer Tupolev nach Kranorjask. Dort 2 Stunden Aufenthalt bei 35° Grad und drückender Schwüle. Der Schweiß läuft aus Hemd und Hose. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Ich denke erneut an meine warmen Klamotten, die unbenutzt einen Ausflug nach Sibirien mitgemacht haben. Dann um 13.00 Uhr Ortszeit Weiterflug nach Moskau Süd. Es bewahrheitet sich, was Lena bereits bei der Abholung zu Beginn der Reise gesagt hat. Der Anschlußflug nach Deutschland würde knapp werden, weil der Abflug  an einem anderen Flughafen gerade auf der entgegengesetzten Seite von Moskau stattfindet. Vor allem für die, die nach Berlin fliegen. Dazwischen ca 90 km um Moskau herum mit dem Kleinbus. Also Ankunft in Moskau Süd nach Plan. Dann aber warten auf das Gepäck. Eine gute halbe Stunde. Jeder starrt das Förderband an, das nicht läuft. Gegen 14.30 Uhr ist dann für alle das Gepäck da. Also Rucksäcke nehmen und raus zum verabredeten Ort, doch die Moskauer Organisatorin ist nicht da. Also warten. Dann endlich die Rucksäcke in den Kleinbus. Dann muß der Fahrer nochmals zurück in das Flughafengebäude und die Parkgebühr bezahlen. Hartmut der Arzt wird ungemütlich: Der hätte dies auch schon früher bezahlen können, typisch russisch. Als dem Fahrer gesagt wird, wann unsere Maschine am Flughafen starten würde, zieht er die Augenbrauen hoch, sagt aber nichts. Wir haben Glück, es ist Sonntagnachmittag und wenig Verkehr. Er schafft es zum gegenüberliegenden Ende von Moskau in 50 Minuten. Am Flughafen raus aus dem Bus, rein ins Gebäude. Schnelle Verabschiedung von der Gruppe die nach Berlin fliegt. Ich weiß nicht ob die es noch schaffen. Wir an langen Schlangen vorbei nach vorne gedrängt. Die Gepäckabgabe ist noch offen. Also kommen wir noch mit. Erste Entspannung. Passkontrolle am Diplomateneingang, an den wir uns einfach vordrängen. Dann noch Körperkontrolle. Danach stehen wir völlig erschöpft aber glücklich vor dem Gate 15. Glück gehabt. Dann noch mehr Glück: Im Flugzeug werden uns Plätze in der Bussines-Class zugewiesen. Wahrscheinlich sind unsere Plätze bereits durch andere besetzt. Sehr komfortabel mit ausgezeichneter Bewirtung. Auf jeden Fall kommen wir wie geplant und sehr entspannt um 17.45 Uhr in Frankfurt an (zusätzlich 7 Stunden Zeitverschiebung zwischen Ulan Ude und Frankfurt) und werden von Monika, unserer Tochter empfangen. Die Weiterfahrt mit dem ICE nach Stuttgart funktioniert reibungslos. Judith, die Schweizerin fährt nach Basel weiter. In Stuttgart werden wir von Bettina, der zweiten Tochter  abgeholt. Eine sehr interessante und abenteuerliche Reise geht damit zu Ende.

Zwei Tage später habe ich bei Petra und Hartmut in Plauen angerufen, die zusammen mit Marina und Stefan nach Berlin geflogen sind. Auch sie haben es noch auf die Maschine geschafft, allerdings nur mit anscheinend massiver und energischer Unterstützung von Lena, die sozusagen nochmals die Türen des Fliegers öffnen ließ. Auch dort wurde dann ebenfalls die Bussines-Class genutzt. Über die Unterstützung und Reisebegleitung von Lena waren alle Teilnehmer sehr angetan. Sie hat uns bravourös und tatkräftig und mit viel Engagement sowie mit perfekten Übersetzungen durch die Weiten von Sibirien geleitet. Das war mit die Voraussetzung, daß wir von Land und Leute sehr viel mitbekommen haben. Das haben alle Teilnehmer versichert und dafür gilt der Dank aller Teilnehmer.

 

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